“The Magic of Hackamore Riding”

Working Buckaroo Cody Deering zu Gast im Westmünsterland

 

 

Am 19. – 21.05.17 war es endlich so weit: Cody Deering hielt bei uns auf der Clover Leaf Ranch einen 3-Tageskurs zum Thema Ranch Riding & Hackamore Training ab. Beides aktuell sehr gefragt, sowohl beim Turnier- als auch beim ambitionierten Freizeitreiter. Geradezu eine Welle an Vaqueros und Nachwuchsbuckaroos schwappt gerade über die europäische Reiterlandschaft über.

 

Reiten im Bosal, oder wer es besser weiß in der Hackamore, ist nämlich super pferdefreundlich und überhaupt die einzig richtige Art zu reiten. Doch die altkalifornische Reitweise ist keinesfalls für jedermann. Das richtige Handling der Hackamore wird nahezu dogmatisiert, die Reitweise zum Mythos. Nur sehr erfahrenen Reitern mit passendem traditionellem Outfit wird die Kompetenz zugesprochen ein Pferd korrekt altkalifornisch zu reiten oder gar auszubilden. Definitiv nichts für Anfänger oder nicht 100%ige Anhänger des Buckaroo-Lifestyles. Das ist es zumeist, was man im Vorfeld von diesem Kurs hätte erwarten können. Zumindest waren dies meine Assoziationen. Ich muss sagen, dass ich vor ca. 10 Jahren bereits von der altkalifornischen Reitweise gehört habe. Und so wie viele andere auch, faszinierte mich diese Art mit Pferden zu arbeiten zutiefst. Natürlich gehörte „Hackamore Reinsman“ zur Pflichtlektüre und natürlich habe ich auch mal etwas von Jeff Sanders gehört, hallo?! Doch was macht den Reiz an dieser Reitweise eigentlich aus? Vielleicht ist es der Mix aus naturbelassenem Pferdetraining und dem Geheimnis Hackamore. Jedenfalls finden sich aktuell überall Gurus, die sich an Kompetenz übertreffen und sich in ihrer Überlegenheit gegenüber dem normalen Freizeitreiter sonnen. In meinen Augen geht diese Entwicklung allerdings genau in die falsche Richtung. Es vermittelt Leuten wie mir, dass sie im elitären Kreis der Vaqueros nicht erwünscht sind. Nach dem Motto: „ganz oder gar nicht“. Wenn man nicht wie einer der alten Californios aussieht, dann kann man auch nicht so reiten und ohne echten Wade Sattel geht das schon einmal gar nicht. Dementsprechend gering waren meine Erwartungen an den Kurs.

 

Ich zähle mich weder zum Englischreiter- noch zum Westernreiterlager. Meine 10 jährige Stute ist selbst gezogen, eine Mischung aus Traber-Mix und Paint Horse, ziemlich klein und zierlich. Angeritten habe ich sie selbst vor 7 Jahren mit der Hackamore. Mittlerweile arbeite ich vielseitig mit ihr. Viele unterschiedliche Einflüsse haben meinen eigenen Reitstil geprägt. Sie geht im Bosal, mit Snaffle, mit Kandare oder auch mal nur mit Halsring. Der Westernsattel ist extra auf sie angepasst, dennoch reite ich sie lieber mit Fellsattel, weil sie sich damit freier bewegt. Ein bunter Gemischtwarenladen also. Für jeden eingefleischten Vaquero also wohl so ziemlich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. Dennoch stelle ich mich der Herausforderung „Reitkurs bei Cody Deering“.

 

Cody ist ein angenehmer und unaufgeregter Typ, der Coolness und Ruhe ausstrahlt. Was mir sofort ins Auge sticht, ist seine ruhige und einfache Art mit den Pferden zu arbeiten. Er macht so wenig und dabei passiert so viel. Nicht nur am Boden, sondern auch im Sattel. Mir fällt auf, dass er kaum mit Bein reitet. Sein Sitz ist absolut unabhängig, man könnte fast meinen er sei passiv. Im Prinzip reitet Cody die unterschiedlichen Pferde nur mit Hand und ich meine damit nicht mit grobem Handeinsatz, sondern mit ganz feiner und leichter Hand.

 

 

 

„One movement of the rein

is one movement of the feet“

 

Codys Ziel ist es, das Pferd mit wenig Einwirkung zu bewegen. Es muss wach, flink und leichtfüßig sein. All sein Tun dient alleine dazu ein "Trigger Reined Horse" zu erziehen. Es muss sich selbständig bewegen, stets ausbalanciert sein und aus jeder möglichen Position heraus zu einem neuen Manöver starten können. Es geht dabei nicht um Drill. Cody ermuntert uns Teilnehmer dazu, unseren Pferden Verantwortung zu übergeben; Verantwortung sich selbst zu tragen und selbständig frei zu bewegen.

 

An diesem Wochenende befinden sich viele unterschiedliche Reiter und Pferde in der Bahn. Doch alle scheinen das gleiche Problem zu haben: die Schultern. Wirklich schon sehr merkwürdig. Diese Beobachtung deckt sich allerdings mit dem, was ich bei so vielen Reitern und Pferden in meiner Rolle als nebenberufliche Reitlehrerin gesehen habe. Enorm viele Pferde hängen auf einer Schulter, latschen auf der Vorhand, sind nicht frei in ihren Schultern oder zeigen andere Auffälligkeiten in der Vorhand. Gerade junge und/oder ausbalancierte Pferde lassen vor allem in Wendungen die innere Schulter fallen. Oftmals versuchen Reiter die Schulter dann mit der inneren Hand dauerhaft hochzuhalten. Man muss sich das dann so vorstellen, als ob man permanent mit Stützrädern Fahrrad fahren würde; richtiges Radeln lernt man so nie. Doch was tun? Cody erklärt uns, dass wir unserem Pferd nicht ständig helfen können richtig zu laufen. Wir entmündigen es durch unsere ständigen Korrekturen sogar, machen es abhängig, nehmen ihm die Lust mitzuarbeiten und killen die Natürlichkeit seiner Bewegungen.

 

Ich muss schon sagen, dass der erste Kurstag zutiefst frustrierend war. Nicht nur mir ging es so, sondern wohl vielen meiner Mitreiter auch. Wir fühlten uns alle wie Deppen, die das erste Mal auf einem Pferd gesessen haben. Ich reite seit dem ich denken kann und vieles ist so selbstverständlich für mich wie die Abläufe beim Autofahren. Oft bekomme ich schon gar nicht mehr mit, wie ich meinem Pferd eine Hilfe gebe. Es passiert einfach. Umso schlimmer ist es dann bewusst nichts zu machen, sondern abzuwarten. Hinzu kommt, dass ich ein sehr perfektionistischer Mensch bin. Bisher war ich immer der Meinung, dass ich Fehler meines Pferdes sofort und konsequent korrigieren muss, damit sich keine falschen Bewegungsabläufe einschleichen. So wie mir, ging es vielen anderen auch. Also, here we go: Cody bat uns darum auf unsere Pferde zu warten. Eine Schlüsselübung für mich war der Turn an der Bande. Mit leichten Pulls und Slags sollten wir unsere Pferde wenden lassen. Die Schwierigkeit bestand darin, das Pferd die Wendung selbständig ausführen zu lassen. Aus zunächst unkoordinierten und zähen Bewegungsabläufen wurden immer mehr und mehr freie und energetische Wendungen. Selbst meine kleine träge Stute entwickelte eine ganz andere Dynamik in ihren Bewegungen. Von perfekten und technisch korrekten Wendungen kann man da nicht reden. Dafür hat Cody ein Patentrezept:

 

„Mañana“

 

 

 

 


Alle Bilder des Kurses findet ihr im Bilder-Shop von Equinemotion!

Ein weiterer wichtiger Punkt in seinem Training sind Zusammenhang von Versammlung und Tempo. An dieser Stelle wird es sehr unangenehm für mich. Ich bin wirklich kein Freund von schleichenden Pleasure-Pferden. Ich persönlich bevorzuge es, wenn sich ein Pferd dynamisch vorwärts bewegt, sich nach und nach vorne hebt und dabei vermehrt Last mit der Hinterhand aufnimmt. Dabei sollte es möglichst selbständig und fleißig laufen. Umso schlimmer die Tatsache, dass ich bei meiner Stute in all den Jahren noch nicht den geeigneten „An-Knopf“ gefunden habe. Mir kommt die Arbeit mit ihr immer zäh wie Kaugummi vor. Cody bezeichnete sie sogar als Oma, oder wie ich sie scherzhaft nenne „The Walking Dead“. Aber mal ehrlich: schon sehr schmerzhaft das zu hören zu bekommen. Schließlich offenbart dies ein reiterliches Versagen, wer hört so etwas schon gerne? Cody macht mir allerdings keine Vorwürfe, sondern ermutigt mich nicht auf das zu blicken, was gewesen ist, sondern was jetzt ist. Ich soll sie nicht weiter bevormunden, sondern ihr Verantwortungen für ihre Bewegungen geben.

 

Und das ist ein verdammt gutes Gefühl!

 

 Was hat sich in diesen 3 Tagen geändert? Nun, ich werde mich nicht fortan Vaquero nennen und mein ganzes bisheriges Pferdetraining umwerfen. Cody hat mir aber einen Weg gezeigt, den ich aufgrund seiner Einfachheit bisher noch nicht gesehen habe. Pferde wollen nicht unbalanciert sein. Pferde lassen ihre Schulter nicht fallen, weil es bequemer ist. Tief in ihrem Inneren, wollen sie sich frei und ausbalanciert bewegen. Das was stört, ist der Reiter. Wenn wir ständig eingreifen und korrigieren, lernen sie nie sich selbständig zu verbessern und alleine zu tragen. Dieses Prinzip charakterisiert Codys unaufgeregte Art mit Pferden zu arbeiten. Das unterscheidet ihn von vielen europäischen Californio-Gurus und macht ihn mir sehr sympathisch. Er schwingt keine großen Reden und er macht aus der Arbeit mit dem Hackamore kein riesen Geheimnis. Er ist nahbar und motiviert jeden, der wissbegierig ist.

 

Trotz der anfänglichen Frustration habe ich das Wochenende sehr genossen. Ich habe viel gelernt und neue Ansätze für mein Training bekommen. Ich werde kein Nachwuchs-Buckaroo werden. Das ist auch überhaupt nicht schlimm. Ich habe keine Rinderherde, die ich umsorgen muss, ich habe nicht einmal ein Lasso. Ich habe ein Pferd, das ich von der ersten Minute seines Lebens an kenne und mit dem ich in meiner Freizeit gerne arbeiten möchte.

 

Und von heute an gebe ich ihm mehr Verantwortung für seine Bewegungen.

So come on, move your horse's feet!